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Gastbeitrag als Diskussionsgrundlage einer anderen Umweltbewegung/ RG MV

"Zwischen Resignation und Selbstermächtigung: Solidarisches Kollapscamp

Versteckt zwischen Wäldern und Seen liegt der kleine Ort Kuhlmühle, ungefähr eine Fahrradstunde von Wittstock entfernt. Zu DDR-Zeiten war dort ein Pionierlager, heute wird die Anlage von linken und ökologischen Gruppen wieder aufgebaut und weiterentwickelt. Auf diesem idyllischen Areal, scheinbar weit entfernt von der Klimakrise, traf sich im August eine recht neue links-ökologische Community zu einem großen Camp: die solidarische Kollapsbewegung. Die zentrale und bittere Erkenntnis, die sie antreibt: Unser derzeitiges kapitalistisch-fossiles Wirtschaftssystem ist leider resilienter als das Klima des Planeten. Auch angesichts der heraufziehenden Umweltkatastrophe gibt es kein breites Umdenken für ein nachhaltigeres Wirtschaften. Ganz im Gegenteil: Die wenigen errungenen Kompromisse (Pariser Abkommen, Verbrenner-Aus) stehen vor dem Scheitern. Es droht eine voranschreitende Faschisierung der größten globalen staatlichen Akteure. Aktivismus für Klimaschutz wirkt, soweit er noch stattfindet, im Vergleich zu 2019 bedeutungslos und zieht keine Massen mehr auf die Straße. Gleichzeitig treffen die ersten Auswirkungen der Klimakrise die Menschen – oft jene am härtesten, die schon besonders vulnerabel sind und sich selbst nie am fossilen Kapitalismus bereichert haben.

In diesen Einsichten waren sich wohl alle der knapp tausend Menschen, die sich am letzten Augustwochenende in Kuhlmühle trafen, einig. Wesentlich beeinflusst in ihrem Denken ist die Bewegung von Tadzio Müller, dessen politische Analyse (niedergeschrieben in Zwischen friedlicher Sabotage und Kollaps, 2024) der Kollapsbewegung ihr ideelles Fundament gibt: Es soll Schluss sein mit weiteren Appellen an die Politik und damit, die eigene Energie und Gesundheit einem Aktivismus zu opfern, der bestenfalls ignoriert, schlimmstenfalls mit Gewalt und juristischen Repressionen abgestraft wird. Stattdessen sollten sich Menschen nun gemeinsam darauf vorbereiten, in den bevorstehenden Katastrophen solidarisch und handlungsfähig zu bleiben.

Das Credo der Handlungsfähigkeit im Kollaps bildete den Kern des recht diversen Programms mit Workshops, Vorträgen und Diskussionsrunden. Es gab einen kurzen Lehrgang zum Katastrophenschutz, angeboten von der Hilfsorganisation Cadus, zahlreiche Workshops zu medizinischen Themen (vom Stoppen von Blutungen bis hin zum Aufbau solidarischer Medikamentenherstellung), viele Kurse zur Selbstverteidigung, der eigenständigen Versorgung mit Strom – und natürlich Hinweise zum Sammeln und Anbau von Lebensmitteln. Entsprechend eines solidarischen Camps gab es auch einige internationale Stimmen aus dem globalen Süden, die auf dem Kollapscamp zu Wort kamen. Hier könnte es sicher in Zukunft auch noch mehr Schwerpunkte geben. Neben den praktischen Lehrgängen, die den Hauptteil des Programms ausmachten, bestand Gelegenheit zur emotionalen Arbeit: Wie gehen wir selbst mit Angst, Trauer, Wut, aber auch Scham im Angesicht der aktuellen politischen Entwicklungen um?

Ein großer Teil der Workshops konnte nur einen kurzen Einblick bieten. Kein Mensch lernt in zwei Stunden, das Anlegen und Pflegen eines Selbstversorgergartens. Das Camp bietet hier eher Impulse und die Möglichkeit, sich zu vernetzen und gemeinsam weiterzumachen, sich selbst vorzubereiten und sich die Kapazitäten zu erarbeiten, um im Fall der Katastrophe (Klimakrise, Faschismus, Krieg) für sich selbst zu sorgen und helfend für Andere tätig werden zu können. Die Krise soll einen neuen politischen Raum bieten, in welchem wir solidarisch sind.

Eine allgemeine Frage, die sich in Anbetracht eines solchen Camps stellt: Ist damit der Kampf um Klimaschutz vom Tisch? Ein großer Teil der Menschen, die nun solidarisches Prepping lernen wollen, rekrutiert sich aus der Klimabewegung. Viele haben der Forderung nach Klimaschutz einen wichtigen Teil ihres Lebens gewidmet. Wie viel Resignation steckt in der Klimabewegung, wenn sie sich nun auf die Katastrophen vorbereitet, statt für deren Abwendung zu kämpfen? Doch statt resigniert wirkten die meisten hier eher erleichtert – befreit vom Druck, gegen die kapitalistischen Mechanismen der Profitmaximierung eine Katastrophe aufhalten zu müssen, und hoffnungsvoll, im Kollaps solidarisch zu sein.

Dies soll nicht heißen, dass nichts mehr im Bereich des Klimaschutzes zu tun ist: Es ist sicher weiterhin ratsam, die vorhandenen Hebel für Klimaschutz zu nutzen – sei es, das lokale Moor wieder zu vernässen (auch eine gute Form der Anpassung), Tempolimits zu beantragen oder sich für einen besseren ÖPNV einzusetzen. Gleichzeitig ist es begrüßenswert, wenn die Menschen in der Klimabewegung mit ihren eigenen Ressourcen nachhaltig umgehen, sich vorbereiten auf die Zukunft, statt sich im Kampf gegen die Gesetze des kapitalistischen Marktes aufzureiben."

C./ HST

Dies ist ein Gastbeitrag einer umweltbewegten Bekannten und durchaus eine Streitschrift. So teilte ich ihr auch die Veröffentlichung auf unserer Homepage mit. Sie ist damit einverstanden.

S./HST

Leserbrief

 

Vielen Dank für den Gastbeitrag zum „Kollaps-Camp 2025“ auf der Homepage der Umweltgewerkschaft / Regionalgruppe Mecklenburg-Vorpommern.

 

Es ist äußerst interessant zu erfahren, welche neuen Entwicklungen sich in der Umweltbewegung auftun: die solidarische Kollapsbewegung, die in der Nähe von Wittstock mit ca. 1000 Menschen ein Camp durchführte (siehe Gastbeitrag)

 

Ihr Ziel: im Kollaps handlungsfähig sein.

 

Von der Resignation all derer in der Umweltbewegung, die auf Appelle an die Regierung setzten, hatte man schon gehört. Auch die kapitalismus-kritischen Stimmen hatten letztendlich versucht, in ihm Alternativen zu suchen.

 

So halte ich es für einen Erkenntnisgewinn, sich daran nicht mehr aufreiben zu wollen und sich darauf zu besinnen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

 

Der im Oktober veröffentlichte Bericht des Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung zum „Gesundheitszustand der Erde“ weist erneut aus, dass die Umweltkatastrophe bereits begonnen hat und mehrere sogenannte Kipppunkte überschritten sind.

 

Das kann man nicht ernst genug nehmen und sich auf die katastrophalen Auswirkungen vorzubereiten, zeigt ein Verständnis der aktuellen Entwicklung.

Das sind auch aktive Schritte, sich zu organisieren statt zu resignieren.

 

Allerdings ist eine genaue Analyse der Situation Grundlage dafür, nicht erneut in einen Aktivismus zu verfallen, der die engagierten Menschen an anderer Stelle aufreibt - allein der Begriff „im Kollaps“ führt zu dieser Gefahr.

Kollaps bedeutet Zusammenbruch – dann ist nicht mehr viel zu tun. Wir wollen die Erde immer noch vor dem Kollaps retten!!

Katastrophenschutz wird dabei eine wichtige Aufgabe sein.

 

Jedoch wäre es fatal, den Kapitalismus aus dem Visier zu nehmen und ihm seine Verbrechen weiter durchgehen zu lassen: er ist der Verursacher und steht an erster Stelle des Kampfs. Seine Pläne, die Wirtschaft auf Kriegsproduktion umzustellen, zeigt uns die Dringlichkeit, uns mit der Arbeiterbewegung zusammenzuschließen.

 

Gabi, Berlin

 

 

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